PLöTZLICH KOMMT DJOKOVIC HEREIN – UND ES WIRD STILL

Flynn Thomas (16) und Henry Bernet (17) kosten ihre ersten Tage im Rasenmekka voll aus und haben noch alle Chancen. Ein Traum erfüllte sich für sie aber nicht.

Manchmal kommen sie aus dem Staunen nicht heraus. «Als Novak Djokovic in die Garderobe kam, wurde es ganz still», sagt Flynn Thomas mit leuchtenden Augen. «Alle drehten sich zu ihm um und haben ihn beobachtet. Natürlich haben wir ihn nicht angesprochen.» Im Gym trafen sie Nick Kyrgios, der in Wimbledon der Edel-Sparringspartner von Djokovic ist. Henry Bernet lief Jannik Sinner über den Weg und war beeindruckt: «Am Fernsehen sieht er immer so dünn aus. Aber seine Beine sind ziemlich muskulös.»

Früher schauten die beiden Schweizer Junioren Wimbledon am Fernsehen, jetzt sind sie plötzlich mittendrin. Sie bewegen sich in den gleichen Räumlichkeiten wie die Stars, kreuzen sie auf den Trainingsplätzen und können mit ihren Akkreditierungen auch Matchs schauen. Nur in die zwei grössten Arenen dürfen sie nicht.

Hier werden grosse Träume genährt

Die Junioren-Grand-Slams geben den talentiertesten Jungen einen Vorgeschmack darauf, was für sie dereinst sein könnte. Hier werden grosse Träume genährt. Alle nehmen unvergessliche Erinnerungen mit und wollen später bei den Grossen dorthin zurückkehren. Die meisten schaffen es nicht. 

Aber wer auf dieser Bühne brilliert, hat Chancen auf eine Profikarriere. Roger Federer und Stan Wawrinka sind die besten Beispiele dafür. Sie gewannen in Wimbledon respektive Roland Garros bei den Junioren und später auch bei den Profis. Der 17-jährige Bernet gab kürzlich in Paris seinen Einstand an einem Grand-Slam-Juniorenturnier und stürmte da als Qualifikant bis in den Viertelfinal. Thomas verpasste die Qualifikation um einen Platz und musste den TGV zurück nach Zürich nehmen, bevor das Hauptturnier begann. 

In Wimbledon ist er nun dabei. Mit zwei Siegen in der Qualifikation spielte er sich ins Hauptfeld und ist da der Zweitjüngste. Am Dienstag, an dem alle Matchs wegen Regen ausfielen, feierte er den 16. Geburtstag. Seit zwei Wochen sind Thomas und Bernet mit Swiss-Tennis-Coach Kai Stentenbach in London und bestritten zuerst das Juniorenturnier in Roehampton. Seit einigen Tagen pendeln sie zwischen dem Hotel im Hammersmith-Quartier und dem All England Club. Eine halbe Stunde im Shuttle, wenn der Verkehr fliesst. 

Regen und Wind – so ist Wimbledon

Bernet hatte am Samstag einen Kaltstart. An seinem ersten Tag in Wimbledon – vorher durfte er noch nicht auf die Anlage – spielte er gleich den ersten Match. Es regnete und windete abwechselnd, das Spiel gegen den Italiener Andrea De Marchi wurde immer wieder unterbrochen. Wimbledon live. Schliesslich setzte sich Bernet 6:3, 6:4 durch. Vater Robert, Mutter Michèle und Schwester Amy atmeten durch. Tags darauf stieg Thomas ins Turnier und schlug den Russen Timofei Derepasko 6:4, 6:4. Die stolze Mutter Sandra, die mit dem Auto via Fähre angereist ist, strahlte.

Am Montag spielten und siegten Bernet und Thomas im Doppel Seite an Seite gegen zwei Briten. Im Oktober 2023 wurden sie in Parma U-16-Europameister, seit diesem Jahr spielen sie U-18. «Am Anfang haben wir auf dieser Stufe alles verloren, aber jetzt läuft es besser», sagt Bernet.

Wer ihnen zuschaut, merkt schnell, wie gut sie sich verstehen. Sie witzeln zwischen den Ballwechseln miteinander und muntern sich gegenseitig auf. So unterschiedlich sie sind, sie ergänzen sich exzellent. Der 1,91 Meter grosse Bernet schlägt wuchtig auf und sucht öfter den direkten Punkt. Der einen Kopf kleinere Thomas ist unheimlich flink, begeht kaum Fehler und kann den Ball inzwischen auch exzellent beschleunigen. 

Vor zweieinhalb Wochen spielten die beiden auf den Courts im Stadion Gurzelen in Biel erstmals auf Rasen, nun fühlen sie sich auf dem satten Grün schon ganz wohl. «Wimbledon ist mein Lieblings-Grand-Slam, auch wegen der weissen Kleider», sagt Bernet. «Und ich habe das Gefühl, Rasen liegt mir recht gut. Ich halte die Ballwechsel gern kurz, hier zahlt sich aggressives Spiel aus.» Er finde den Unterschied zu den anderen Belägen gar nicht so gross, sagt Thomas. Man müsse sich auf Rasen gut bewegen. Aber das zähle ja zu seinen Stärken.

Sie teilen das Zimmer und nerven sich nie

Die beiden trainieren im nationalen Leistungszentrum in Biel täglich miteinander und kennen sich auf dem Court und daneben in- und auswendig. In London teilen sie sich ein Doppelzimmer und verbringen da die Zeit mit Handygames, Musikhören oder Diskutieren. Und es läuft ja auch noch die Fussball-EM. Gehen sie sich nie auf die Nerven? «Nein, wir haben es immer lustig miteinander», sagt Thomas. Er schaut zu Bernet, der nickt. Coach Stentenbach ist mit ihnen im Hotel, er kontrolliert aber nicht, wann sie schlafen gehen. «Wir sind vernünftig genug», sagt Bernet.   

Bei Swiss Tennis setzt man sehr grosse Hoffnungen auf die beiden. «Ich bin sicher, dass sie in den nächsten zwei Jahren einiges gewinnen werden», sagt Alessandro Greco, der Leistungssportchef. Bis Ende 2025 seien beide in den Top 10 der Junioren und habe mindestens einer den Final an einem Junioren-Grand-Slam erreicht, prognostiziert er. Bernet kann auf dieser Bühne 2025 nochmals mitspielen, Thomas sogar bis 2026.

In Wimbledon stehen ihnen mit Einzel und Doppel gedrängte Tage bevor. Immerhin soll das Wetter besser werden. Gern hätten sie hier auch Roger Federer getroffen. Doch der reiste am Sonntag ab und war am Dienstagabend schon beim nächsten Highlight: am Konzert von Taylor Swift in Zürich. Aber wenn Henry Bernet und Flynn Thomas so weiterspielen, wird der Maestro sicher bald auf sie aufmerksam werden.

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2024-07-10T04:06:25Z dg43tfdfdgfd