UND DANN FRAGT SHAQIRI: «HAT ER DAS GENAU SO GESAGT?»

Xherdan Shaqiri kämpft gegen den Vorwurf, er sei nicht fit. Und er greift in überraschender Härte die Führung seines Clubs in Chicago an. Für ihn ist klar: Er bleibt der Mann für die speziellen Momente im Schweizer Spiel.

Natürlich hat er es noch immer drauf. Kreative Finten, lockere Doppelpässe. Sogar überraschend aggressives Gegenpressing ist dabei. Xherdan Shaqiri ist in grosser Form. Die Medienkonferenz zwei Tage vor dem Schweizer Start an die Europameisterschaft absolviert er ganz im Stil des Leistungsträgers.

Nur gibt es viele Anzeichen dafür, dass der Shaqiri auf dem Feld nicht mehr ganz so stark ist wie der daneben. In Chicago erzählt man sich wenig schmeichelhafte Geschichten über seinen Fitnesszustand und seine Wirkung innerhalb des Teams. Murat Yakin hat nach dem Testspiel gegen Österreich gesagt: «Er kann nicht innerhalb von vier Tagen zweimal 90 Minuten spielen.»

Als Shaqiri am Donnerstag mit dieser Aussage konfrontiert wird, zeigt er ein erstes Mal seine Zweikampfhärte. «Hat er das genau so gesagt?», fragt er zurück. Seine Reaktion steht im überraschend scharfen Kontrast dazu, dass er vorher behauptet hat, er sei mit dem Schweizer Nationaltrainer «ständig in Kontakt».

Worüber reden Trainer und Spieler?

In solchen Momenten stellt sich spontan die Frage, worüber sich Trainer und Spieler dabei jeweils unterhalten? Eine eindeutig definierte Rolle jedenfalls will Shaqiri nicht zugeteilt bekommen haben. Für ihn ist also nicht klar, ob er als Startspieler eingeplant ist. Oder ob er von der Bank kommen soll.

Natürlich sagt Shaqiri Sätze wie: «Das Team steht über allem.» Oder: «Jeder Spieler muss akzeptieren, wenn er nicht spielt. Inklusive mir.» Aber sein ganzer Auftritt vor den Medien macht klar: Da sitzt einer, der auch mit 32 Jahren noch immer davon überzeugt ist, dass er dieser Mannschaft etwas geben kann, zu dem ausser ihm keiner fähig ist.

Er sagt: «Es ist klar, dass eine Mannschaft so einen Spieler braucht, der die entscheidenden Pässe spielen kann oder ein Tor aus dem Nix schiessen.» Logisch, dass dieser Spieler in seiner Welt er selber ist: «Ich habe das einfach in mir drin. Ich bin froh, dass ich dieses Talent habe.»

Es sind klassische Shaqiri-Sätze. Getragen von einer Mischung aus frecher Unbekümmertheit und einem gesunden Selbstvertrauen. Genau so hat er einst als Teenager die Herzen der Fussballschweiz im Sturm erobert.

Der Mann für das gewisse Extra

Die Euro ist das siebte grosse Turnier für Shaqiri. Bislang hat er noch immer für die speziellen Momente gesorgt. 2010 war er beim Debüt erst 18 Jahre jung. Danach folgten ein Hattrick gegen Honduras an der WM 2014, ein Tor per Seitfallzieher an der EM 2016 gegen Polen, 2018 der Siegtreffer gegen Serbien, 2021 Tore gegen die Türkei und Spanien, 2022 ein Assist gegen Kamerun und wieder ein Tor gegen Serbien.

Es gibt Gründe, warum Shaqiri noch immer der Spieler ist, der die Fussballschweiz von Grossem träumen lässt. Warum soll er nicht noch einmal dieser Mannschaft mit seinen Geistesblitzen helfen?

Vielleicht, weil er dazu tatsächlich nicht mehr in der Lage ist. Shaqiri selber ist es zwar «peinlich», dass er von den Medien nur schon auf seinen körperlichen Zustand angesprochen wird: «Weil wir alle Profis sind, die über 90 Minuten spielen können.»

Seit er Chicago verlassen hat, punktet das Team

Im Gegensatz dazu steht, wie seine Zeit bei Chicago Fire zu Ende geht. Als er dort 2022 seinen Vertrag unterzeichnete, wurde er zum bestverdienenden Profi der Major League Soccer. Heute ist er mit seinen 8,1 Millionen Jahreslohn immer noch die Nummer 4 hinter Lionel Messi, Lorenzo Insigne und Sergio Busquets.

Erfolge gab es allerdings keine zu feiern. Mit Shaqiri verpasste das Team zweimal die Playoffs. Auch diese Saison begann schlecht. Dann gab Chicago seinen teuersten Spieler frühzeitig für das Nationalteam frei, was ein Club bei einem Leistungsträger normalerweise tunlichst unterlässt. Seither hat Chicago nicht mehr verloren. Die Amerikaner wollen den Ende Jahr auslaufenden Vertrag auf keinen Fall verlängern.

Andere Spieler würden sich in so einem Moment vielleicht selbst hinterfragen. Shaqiri nicht. Für ihn liegt das Problem nicht bei ihm. Sondern unter anderem bei Chicagos Sportdirektor Georg Heitz, der ihm nicht die richtigen Mitspieler zur Seite gestellt hat: «Hoffentlich lernt die sportliche Führung von Chicago aus den Fehlern.»

Wie reagiert er, wenn er nicht spielt?

Es ist wieder so ein Shaqiri-Satz voller Selbstvertrauen. Einer, der eine weitere Frage aufwirft: Wie reagiert ein Spieler mit diesem Selbstbild, wenn ihm an dieser Endrunde bloss die Rolle als Ergänzungsspieler bleibt?

Vorerst gibt Xherdan Shaqiri den Elder Statesman, wenn er erklärt, Nationalspieler seien «Vorbilder». Da müsse er als Routinier dann schon schauen, dass «die Jungen» nicht irgendeinen Mist ablassen.

Das klingt erst mal gut. Das klingt gereift. Es würde diesem Schweizer Team helfen, wenn Xherdan Shaqiri am Samstag gegen Ungarn ähnlich erwachsen auftreten würde. Von Anfang an. Oder von der Bank her kommend.

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